Runen und Magie· 41 min read ·November 3, 2026

Runen des älteren Futhark: Namen, Lautwerte und Bedeutung aller 24 Runen

On this page 16 sections
  1. Tabelle des älteren Futhark: alle 24 Runen und ihre Bedeutung
  2. Das ältere Futhark auf einen Blick
  3. Was sind Runen? Zuerst ein Alphabet
  4. Älteres und jüngeres Futhark: Welche Runen nutzten die Wikinger?
  5. Woher stammen die Bedeutungen der Runen? Die drei Runengedichte
  6. Die drei ættir (Aettir): wie die 24 Runen gruppiert sind
  7. Die erste ætt (Freyrs ætt): Fehu bis Wunjo
  8. Die zweite ætt (Hagalls ætt): Hagalaz bis Sowilo
  9. Die dritte ætt (Týrs ætt): Tiwaz bis Othala
  10. Wie Odin die Runen fand: was die Hávamál berichten
  11. Wie Runen tatsächlich verwendet wurden: Schrift, Gedenksteine und Magie
  12. Binderunen: historische Ligaturen und moderne Sigillen
  13. Englisch (und Deutsch) mit dem älteren Futhark schreiben
  14. Moderne Runenbedeutungen, Runenorakel und die leere „Odin-Rune“
  15. Häufige Fragen
  16. Quellen und redaktionelle Hinweise

Das ältere Futhark ist das älteste vollständige Runenalphabet: 24 Runen, die germanischsprachige Völker ab etwa 150 n. Chr. verwendeten, benannt nach den Lauten seiner ersten sechs Runen, f, u, þ (th), a, r und k. Jede Rune stand für einen Laut und hatte einen Namen, etwa fehu „Vieh“ oder tīwaz „der Gott Týr“. Diese Namen sind jedoch aus mittelalterlichen Runengedichten rekonstruiert, und die meisten Runenbedeutungen, die heute verkauft werden, sind modern.

Dieser Leitfaden stellt alle 24 Runen des älteren Futhark in ihrer Reihenfolge vor: den Namen jeder Rune und ihre gängigen anderen Schreibweisen, ihren Laut, ihre Bedeutung und das, was die drei mittelalterlichen Runengedichte über sie sagen. Die moderne Orakelbedeutung steht in jedem Eintrag am Schluss und ist klar gekennzeichnet, damit du siehst, wo die Belege aufhören.

Das Wichtigste in Kürze
  • 24 Runen in drei Reihen zu je acht: Die Reihenfolge kennen wir aus vollständigen Runenreihen, deren älteste auf dem Stein von Kylver auf Gotland steht (um 400 n. Chr.).
  • Älter als die Wikinger: Das ältere Futhark war etwa von 150 bis 650 n. Chr. in Gebrauch und wich bis zum frühen 8. Jahrhundert einer kürzeren Reihe. Die Skandinavier der Wikingerzeit schrieben mit dem jüngeren Futhark aus 16 Runen.
  • Die Namen sind rekonstruiert, und zwar aus altenglischen, norwegischen und isländischen Runengedichten, die viele Jahrhunderte später aufgezeichnet wurden.
  • Runen waren zuerst Schrift: Frühe Inschriften sind Namen, Herstellerformeln und Gedenkinschriften. Magie muss Inschrift für Inschrift nachgewiesen werden. Umgekehrte Bedeutungen, die leere Rune und Runenorakel sind modern.

Tabelle des älteren Futhark: alle 24 Runen und ihre Bedeutung

In der üblichen modernen Reihenfolge; ein Klick auf einen Namen führt zum jeweiligen Eintrag. Unter jedem Namen steht zuerst die urgermanische Rekonstruktion (mit Sternchen, nach Tineke Looijenga, 2003), dann andere Schreibweisen, die in Büchern und Runensets vorkommen. Die letzte Spalte nennt die mittelalterlichen Gedichte, die die Rune behandeln: AE = altenglisches Runengedicht, N = altnorwegisches Runengedicht, I = altisländisches Runengedicht.

RuneName und andere SchreibweisenLautBedeutung des NamensRunengedichte
ᚠFehu
*fehu; Feoh, Fé
fVieh, ReichtumAE, N, I
ᚢUruz
*uruz; Ur, Úr
uAuerochse (AE); Nieselregen oder Schlacke (N, I)AE, N, I
ᚦThurisaz
*þurisaz; Thurs, Thorn
þ (th)Riese (N, I); Dorn (AE)AE, N, I
ᚨAnsuz
*ansuz; Os, Óss
aein Gott, einer der AsenAE, N, I
ᚱRaidho
*raidō; Raido, Rad, Reið
rReiten, ReiseAE, N, I
ᚲKenaz
*kaunan?; Kaunan, Kano, Cen, Kaun
kGeschwür (N, I); Fackel (AE)AE, N, I
ᚷGebo
*gebō; Gyfu
gGabeAE
ᚹWunjo
*wunjō; Wynn
wFreudeAE
ᚺHagalaz
*haglaz; Hagall, Hægl
hHagelAE, N, I
ᚾNaudiz
*naudiz; Nauthiz, Naudhiz, Nauðr
nNot, ZwangAE, N, I
ᛁIsa
*īsaz; Isaz, Íss
iEisAE, N, I
ᛃJera
*jāran; Jeran, Ger, Ár
jJahr, gute ErnteAE, N, I
ᛇEihwaz
*īwaz; Eiwaz, Ihwaz, Eoh
ï (unsicher)EibeAE
ᛈPerthro
*perō?; Perth, Pertho, Peorð
punbekannt (vielleicht eine Spielfigur)AE
ᛉAlgiz
*algiz?; Elhaz, Eolh
z (später R)unsicher: Elch? Segge (AE)AE (spätere Form: N, I)
ᛊSowilo
*sōwilō; Sowelu, Sigel, Sól
sSonneAE, N, I
ᛏTiwaz
*tīwaz; Teiwaz, Tyr, Tir
tder Gott TýrAE, N, I
ᛒBerkano
*berkanan; Berkana, Beorc, Bjarkan
bBirkeAE, N, I
ᛖEhwaz
*ehwaz; Eh
ePferdAE
ᛗMannaz
*mannaz; Man, Maðr
mMann, MenschAE, N, I
ᛚLaguz
*laguz; Lagu, Lǫgr
lWasser, Meer (oder Lauch?)AE, N, I
ᛜIngwaz
*ingwaz; Inguz, Ing
ŋ (ng)der Gott IngAE
ᛞDagaz
*dagaz; Dæg
dTagAE
ᛟOthala
*ōþalan; Othila, Odal, Ēþel
oererbtes Land, LandgutAE

Zum Ausdrucken: Die Runentabelle des älteren Futhark gibt es auch als kostenlose PDF-Datei: alle 24 Runen auf einer Seite, mit Laut, Bedeutung des Namens und einer Zeile aus den mittelalterlichen Runengedichten, auf der Rückseite die 16 Runen, die die Wikinger tatsächlich verwendeten. Format A4, frei zum Ausdrucken und zum Weitergeben im Unterricht. Tabelle, Anmeldeformular und E-Mails sind auf Englisch. Nach der Anmeldung erhältst du sofort den Download-Link, danach gelegentlich E-Mails von Mythic Harmonies mit neuen Ratgebern und unserer Musik. Abmelden kannst du dich jederzeit.

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All 24 runes on one page, with their sound, the meaning of their name and a line from the medieval rune poems. On the back: the 16 runes the Vikings actually used. A4, PDF, free to print and share in class.

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Der Stein von Kylver, eine graue Kalksteinplatte mit der vollständigen Reihe der 24 Runen des älteren Futhark, im Historischen Museum Stockholm
Der Stein von Kylver (G 88), eine Kalksteinplatte aus einem Kistengrab bei Kylver auf Gotland, mit der ältesten bekannten vollständigen Reihe des älteren Futhark. Historisches Museum Stockholm; datiert um 400–470 (Rundata) oder 400–550 (Museum). Foto: Helena Bonnevier, SHM, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons. Verkleinert und in WebP umgewandelt.

Das ältere Futhark auf einen Blick

  • Name: „Futhark“ ist ein modernes Wort, gebildet aus den ersten sechs Runen, so wie „Alphabet“ von Alpha und Beta kommt. Man spricht auch von der älteren Runenreihe oder vom gemeingermanischen Futhark (englisch Elder, Older, Old oder Germanic Futhark), zur Unterscheidung vom jüngeren Futhark.
  • Runen: 24, in drei Gruppen zu je acht, die später ættir genannt wurden.
  • Zeitraum: etwa 150 bis 650 n. Chr. Darauf folgt eine Übergangszeit (um 520–700, sichtbar auf den Blekinge-Steinen in Schweden), und bis zum frühen 8. Jahrhundert hat sich das jüngere Futhark mit 16 Runen durchgesetzt.
  • Früheste sicher datierte Inschriften: der Kamm von Vimose, Dänemark, harja (um 160), und die Lanzenspitze von Øvre Stabu, Norwegen, raunijaz (um 160–250). Beschriftete Steinfragmente aus Svingerud in Norwegen stammen aus einem Grab, das per Radiokarbonmethode auf die Zeit zwischen 50 v. Chr. und 275 n. Chr. datiert wurde; einige Runen könnten also noch älter sein.
  • Vollständige Runenreihen: Stein von Kylver (Gotland, um 400), Brakteat von Grumpan (Schweden, um 500) und Brakteat von Vadstena (Schweden, 6. Jahrhundert), dazu die unvollständigen Reihen der Säule von Breza (Bosnien, die letzten vier Runen sind verloren) und der Fibel von Charnay (Burgund), beide aus dem 6. Jahrhundert.
  • Ursprung: um das 1. Jahrhundert n. Chr. aus einem Alphabet des Mittelmeerraums übernommen, dem lateinischen oder einem norditalischen; das genaue Vorbild ist umstritten.

Was sind Runen? Zuerst ein Alphabet

Runen sind Buchstaben. Jede Rune des älteren Futhark steht für einen Laut, und die ältesten Inschriften verwenden sie so, wie man jede Schrift verwendet: um Namen zu schreiben, um festzuhalten, wer einen Gegenstand angefertigt hat oder besaß, später auch zum Gedenken an Verstorbene. Das Wort Rune hat eine weiter reichende Geschichte: Die gotische Bibel des 4. Jahrhunderts verwendet runa für „Geheimnis“, und altenglisch rūn kann neben „Buchstabe“ auch „Geheimnis“ oder „Flüstern“ bedeuten (verwandt ist das deutsche „raunen“). Das sagt etwas über das Wort aus, nicht über eine verborgene Kraft in jedem Zeichen.

Woher die Schrift stammt, ist bis heute umstritten. Das Historische Museum Stockholm sieht die Anregung „hauptsächlich im römischen Alphabet“. Looijenga vermutet, dass die Runen im 1. Jahrhundert n. Chr. in romanisierten Gebieten am Rhein entwickelt wurden, vielleicht nach einer norditalischen Spielart des Alphabets; andere denken eher an eine provinzielle Form der lateinischen Schrift. Manche Runen entsprechen lateinischen Buchstaben sehr genau (ᚠ F, ᚱ R, ᛒ B), für andere ist kein Vorbild erkennbar.

Die ältesten Texte sind kurz: harja, wahrscheinlich ein Name, auf dem Kamm von Vimose; raunijaz, „Erprober“, der Name der Lanzenspitze von Øvre Stabu. Auf dem Stein von Einang in Norwegen steht [ek go]dagastiz runo faihido, „Ich, Godagastiz, färbte die Rune“ (um 350–400): Runen wurden nicht nur geritzt, sondern auch bemalt.

Ein kleiner Kamm aus Vimose, Dänemark, mit fünf Runen, die harja lauten, quer über den Griff geritzt
Der Kamm von Vimose, Fünen, Dänemark, mit der Inschrift harja (DR 207), um 160 n. Chr., eine der ältesten sicher datierten Runeninschriften. Dänisches Nationalmuseum. Foto: Roberto Fortuna und Kira Ursem, Nationalmuseet, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons. Verkleinert und in WebP umgewandelt.

Älteres und jüngeres Futhark: Welche Runen nutzten die Wikinger?

Nicht das ältere Futhark. In der Wikingerzeit (etwa 750–1050) schrieben die Skandinavier mit dem jüngeren Futhark aus 16 Runen. Die Blekinge-Steine in Südschweden, etwa die von Stentoften und Björketorp (um 520–700), zeigen den Übergang: Alte Runen erhalten neue Lautwerte. Mit weniger Zeichen musste jede Rune mehr leisten: Die k-Rune schrieb auch g, t auch d, b auch p, u auch o.

Acht Runen der älteren Reihe fielen weg: Gebo, Wunjo, Eihwaz, Perthro, Ehwaz, Ingwaz, Dagaz und Othala. Genau diese Runen fehlen im norwegischen und im isländischen Runengedicht. Die 16 verbliebenen lauten in der Reihenfolge des norwegischen Gedichts fé, úr, þurs, óss, reið, kaun, hagall, nauðr, íss, ár, sól, týr, bjarkan, maðr, lǫgr und ýr. Eine Seite, die das ältere Futhark als „Wikinger-Runen“ ausgibt, vermischt zwei Systeme; unser Beleg-Index der Wikinger-Symbole behandelt das jüngere Futhark und die übrigen Zeichen, die sicher in die Wikingerzeit datiert sind.

Woher stammen die Bedeutungen der Runen? Die drei Runengedichte

Keine Inschrift aus der Zeit des älteren Futhark verrät, wie die Runen hießen. Die Namen stammen aus mittelalterlichen Handschriften, vor allem aus drei Gedichten, die jeder Rune eine kurze Strophe widmen. Wie Looijenga anmerkt, liegen mehrere Jahrhunderte zwischen der ersten Runenschrift und den ersten überlieferten Namen; die Sprachwissenschaft erschließt die frühen Formen aus den späteren.

  • Altenglisches Runengedicht: 29 Strophen, die alle 24 Runen der älteren Reihe abdecken, dazu fünf englische Ergänzungen des angelsächsischen Futhorc. Die einzige Handschrift, Cotton Otho B.x, verbrannte 1731; der Text ist in der gedruckten Ausgabe von George Hickes aus dem Jahr 1705 erhalten. Dickins hielt das Gedicht für viel älter als die verlorene Handschrift. Seine Weltsicht ist christlich: Es spricht von drihten, „dem Herrn“, und nennt Gott hālig heofones cyning, „heiliger König des Himmels“.
  • Altnorwegisches Runengedicht: 16 zweizeilige Strophen, eine pro Rune der jüngeren Reihe, dem späten 13. Jahrhundert zugeschrieben. Ole Worm druckte es 1636 nach einer Handschrift, die 1728 verbrannte. Jede Strophe verbindet eine Zeile über die Rune mit einem nur lose dazu passenden Spruch.
  • Altisländisches Runengedicht: 16 Strophen aus je drei Kenningar (dichterischen Umschreibungen), überliefert in Handschriften ab dem 15. Jahrhundert wie AM 687 4to, wo jede Strophe eine lateinische Glosse trägt: Óss ist Jupiter, Týr ist Mars.

Die Gedichte sind also spät, christlich und manchmal widersprüchlich, weil sich die Namen verschoben hatten: Die Rune, die in England ein Auerochse ist, ist in Island Nieselregen. Für die acht Runen, die in der jüngeren Reihe fehlen, ist das altenglische Gedicht unser einziger mittelalterlicher Zeuge.

Eine gedruckte Seite von 1705 mit dem altenglischen Runengedicht; jede Strophe beginnt mit ihrer Rune und deren Namen
Das altenglische Runengedicht bei George Hickes, Linguarum veterum septentrionalium thesaurus (Oxford, 1705), Bd. 1, S. 135, von Humfrey Wanley aus der Handschrift Cotton Otho B.x abgeschrieben, bevor diese 1731 verbrannte. Der untere Rand der Seite ist in diesem Scan abgeschnitten, sodass das Ende von Strophe 28 und Strophe 29 fehlen. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons. In WebP umgewandelt.

Die drei ættir (Aettir): wie die 24 Runen gruppiert sind

Die Einteilung in drei Reihen zu je acht ist alt. Die Goldbrakteaten des 6. Jahrhunderts von Vadstena (Ög 178, heute verschollen) und Grumpan (Vg 207) schreiben das Futhark beide in drei Gruppen, die durch Zeichen getrennt sind: fuþarkgw : hnijïpzs : tbemlŋod. Der Name ist viel jünger: Die nachmittelalterliche isländische Gelehrtentradition nannte die Gruppen ættir, „Familien“, nach Freyr, Hagall und Týr; das Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon (1874) verzeichnet Hagals-ætt als „den zweiten Teil des Runenalphabets“.

Bezeichnungen wie „Heimdalls ætt“ oder „Freyrs und Freyjas ætt“ sind modern, ebenso die Themen, die den einzelnen Reihen oft zugeschrieben werden. Selbst die Reihenfolge schwankte: Kylver schreibt ᛈ vor ᛇ und endet mit ᛞ ᛟ, während Vadstena, Grumpan und das altenglische Gedicht ᛇ zuerst bringen und mit ᛟ ᛞ enden. Die eine „richtige“ letzte Rune gab es nicht.

Ein runder Goldbrakteat aus Grumpan, Schweden, mit einem stilisierten Menschenkopf über einem Tier in der Mitte und Runen am Rand
Der Brakteat von Grumpan (Vg 207), ein goldener Anhänger aus Västergötland, Schweden, um 500 n. Chr. Sein Rand trägt das ältere Futhark in drei Gruppen zu je acht Runen, getrennt durch Punktreihen. Historisches Museum Stockholm. Foto: Ulf Bruxe, SHM, CC BY 4.0, über Wikimedia Commons. Verkleinert und in WebP umgewandelt.
So liest du die Runeneinträge

Zuerst kommen Bedeutung, Laut und Schreibweisen, dann das, was die Runengedichte sagen, in eigener Übersetzung; der Kasten gibt die altenglischen oder altnordischen Originalzeilen nach der Ausgabe von Bruce Dickins wieder, Runic and Heroic Poems of the Old Teutonic Peoples (1915), wobei die Strophen in jedem Gedicht der Reihe nach gezählt sind (Dickins zählt das altenglische Gedicht nach Zeilen). Inschriften tragen ihre Rundata-Nummer, mit Lesungen und Datierungen nach Rundata und, bei Funden vom Kontinent und aus England, nach Looijenga. Eddastrophen folgen der üblichen Zählung, mit der von Bellows (1923) in Klammern, wo sie abweicht. Die moderne Orakelbedeutung steht am Schluss.

Die erste ætt (Freyrs ætt): Fehu bis Wunjo

ᚠ Fehu – Vieh, Reichtum

Bedeutung: Vieh, daher bewegliches Vermögen (das Wort ist mit deutsch „Vieh“ verwandt, vgl. auch englisch „fee“, Gebühr). Laut: f. Name: *fehu; altenglisch feoh, altnordisch fé.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Das altenglische Gedicht nennt Reichtum „einen Trost für jeden“, doch jeder muss ihn freigebig teilen, wenn er vor dem Herrn Ruhm erlangen will. Das norwegische Gedicht dreht es um: „Reichtum stiftet Streit unter Verwandten; der Wolf wächst im Walde auf“. Das isländische Gedicht stimmt zu: „Reichtum ist der Verwandten Zwist“.

Feoh byþ frōfur fira gehwylcum
Fé vældr frænda rógi; føðesk ulfr í skógi
Fé er frænda róg

Altenglisch Str. 1 · Altnorwegisch Str. 1 · Altisländisch Str. 1

Inschrift: Auf dem verschollenen Stein von Gummarp in Blekinge (um 560–700) stand „Haþuwulfar setzte drei Stäbe: fff“, was meist als drei f-Runen gedeutet wird, die für ihren Namen stehen.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Fülle, Wohlstand, verdienter Erfolg; der Name wird wörtlich als Vorhersage gelesen.

ᚢ Uruz – Auerochse (oder Nieselregen)

Bedeutung: Auerochse, der wilde Vorfahr des Hausrinds, im altenglischen Gedicht; Nieselregen oder Schlacke in den nordischen Gedichten. Laut: u. Name: *uruz; altenglisch ūr, altnordisch úr.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Nur das altenglische Gedicht kennt das Tier: „Der Auerochse ist grimmig und hoch gehörnt“, ein sehr gefährliches Tier, das mit seinen Hörnern kämpft. Das skandinavische úr ist ein anderes Wort. Norwegisch: „Schlacke kommt von schlechtem Eisen“, und oft läuft das Rentier über hart gefrorenen Schnee. Isländisch: „Nieselregen ist das Weinen der Wolken“, das Verderben der Heuschwaden und der Hass des Hirten.

Ūr byþ ānmōd ond oferhyrned
Úr er af illu jarne
Úr er skýja grátr

Altenglisch Str. 2 · Altnorwegisch Str. 2 · Altisländisch Str. 2

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): rohe Kraft, Gesundheit, Vitalität, aufgebaut auf dem englischen Auerochsen; der nordische „Nieselregen“ und die „Schlacke“ werden übergangen.

ᚦ Thurisaz (Thurs, Thorn) – Riese oder Dorn

Bedeutung: Riese in den nordischen Gedichten, Dorn im altenglischen. Laut: þ, das stimmlose „th“ im englischen „thin“. Name: *þurisaz, altnordisch þurs, ein Wort für die Jötnar, die Riesen. Im Englischen wurde die Rune in þorn, „Dorn“, umbenannt, und das þ blieb dort jahrhundertelang als Buchstabe in Gebrauch.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Der Dorn ist überaus scharf“, übel für jeden Krieger, der ihn anfasst. Norwegisch: „Der Riese bringt den Frauen Krankheit“, und wenige freut das Unglück. Isländisch: „Riese: Qual der Frauen, Felsbewohner, Gatte der Varðrún“, einer Riesin.

Ðorn byþ ðearle scearp
Þurs vældr kvenna kvillu
Þurs er kvenna kvǫl ok kletta búi ok varðrúnar verr

Altenglisch Str. 3 · Altnorwegisch Str. 3 · Altisländisch Str. 3

In der Edda: In Skírnismál 36 (bei Bellows 37), „Ich ritze dir einen Zauber und drei Runen dazu“, steht für den „Zauber“ im Original wörtlich die Rune þurs.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Abwehr, Konflikt, ein „Tor“, oft mit Thor verbunden; keine mittelalterliche Quelle bringt diese Rune mit Thor in Verbindung.

ᚨ Ansuz (Os) – ein Gott, Odin

Bedeutung: „ein Gott, einer der Asen“; das isländische Gedicht macht ihn zu Odin. Laut: a. Name: *ansuz; altenglisch ōs, altnordisch óss. Das Wort steckt im Namen Asugisalas auf dem Lanzenschaft von Kragehul, Dänemark (DR 196, um 450–500).

Runengedichte (eigene Übersetzung): Isländisch: „Gott: der uralte Gautr, Fürst von Ásgarðr, Herr von Walhall“, eindeutig Odin. Norwegisch: óss als „Flussmündung“, wo die meisten Reisen enden, so wie die Scheide das Ziel der Schwerter ist (Str. 4; der Text ist emendiert). Altenglisch: „Os ist der Ursprung aller Sprache“, eine Stütze der Weisheit; Dickins verstand das als lateinisch os, „Mund“.

Ōs byþ ordfruma ǣlcre sprǣce
Óss er aldingautr ok ásgarðs jǫfurr ok valhallar vísi

Altenglisch Str. 4 · Altisländisch Str. 4

Inschrift: Das Amulett von Lindholm in Schonen (DR 261) trägt acht a-Runen in Folge, die manche als achtmal *ansuz lesen.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Kommunikation, Inspiration, „der göttliche Atem Odins“; für diesen Atem gibt es keine mittelalterliche Quelle.

ᚱ Raidho – Reiten, Reise

Bedeutung: Reiten, Reise. Laut: r. Name: *raidō, auch Raido geschrieben; altenglisch rād, altnordisch reið. Die Form ähnelt einem lateinischen R.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Das altenglische Gedicht ist ironisch: „Reiten ist für jeden Krieger in der Halle leicht“, und harte Arbeit für den, der auf einem kräftigen Pferd die langen Wege zurücklegt. Diese Hallenszene ist englisch, nicht nordisch. Norwegisch: „Reiten, sagt man, ist für Pferde das Schlimmste; Reginn schmiedete das beste Schwert“. Isländisch: „Reiten ist des Reiters Glück“, eine schnelle Reise und die Mühsal des Pferdes.

Rād byþ on recyde rinca gehwylcum sēfte
Ræið kveða rossom væsta; Reginn sló sværðet bæzta
Reið er sitjandi sæla

Altenglisch Str. 5 · Altnorwegisch Str. 5 · Altisländisch Str. 5

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Reisen, der richtige Weg, Rhythmus; das oft ergänzte „utangard“ kommt in keinem der Gedichte vor.

ᚲ Kenaz (Kaunan, Kano) – Fackel oder Geschwür

Bedeutung: umstritten, „Geschwür“ in den nordischen Gedichten, „Fackel“ im altenglischen. Laut: k. Name: Das norwegische und das isländische Gedicht nennen die Rune kaun, „Geschwür“, und Looijenga setzt *kaunan mit Fragezeichen an; das altenglische Gedicht nennt sie cēn, „Fackel“. „Kenaz“ folgt der englischen Seite; „Kano“ ist eine Schreibung aus modernen Runensets.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Die Fackel ist jedem Lebenden an ihrem Feuer bekannt“, bleich und hell. Norwegisch: „Das Geschwür ist der Fluch der Kinder; der Tod macht den Leichnam bleich“. Isländisch: „Das Geschwür ist das Verderben der Kinder“, eine schmerzhafte Wunde. Bei zwei Gedichten gegen eines lässt sich das Geschwür nicht ohne Weiteres als später Fehler abtun.

Cēn byþ cwicera gehwām cūþ on fȳre
Kaun er barna bǫlvan; bǫl gørver nán fǫlvan
Kaun er barna bǫl

Altenglisch Str. 6 · Altnorwegisch Str. 6 · Altisländisch Str. 6

Form: in den ältesten Inschriften ein kleiner Winkel wie <; ab dem 6. Jahrhundert gingen die englischen und die skandinavischen Formen auseinander.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Wissen, Kreativität, Erleuchtung, alles von der englischen Fackel abgeleitet.

ᚷ Gebo – Gabe

Bedeutung: Gabe. Laut: g. Name: *gebō; altenglisch gyfu. Die X-Form lässt sich leicht mit anderen Runen verbinden: Der Lanzenschaft von Kragehul schreibt g und a dreimal als einzelne Binderunen.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Geben ist der Menschen Zierde und Lob“, und jedem Verstoßenen, der sonst nichts hat, ist es Hilfe und Lebensunterhalt.

Gyfu gumena byþ gleng and herenys

Altenglisch Str. 7

Inschrift: Ein Goldbrakteat von Seeland (Seeland II-C) sagt gibu auja, „ich gebe Glück“ oder „Schutz“: ein Wunsch, in Worten ausgeschrieben und nicht in einer einzelnen Rune verborgen.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Partnerschaft, Austausch, Liebe; das X als „zwei sich kreuzende Kräfte“ ist moderne Symbolik.

ᚹ Wunjo – Freude

Bedeutung: Freude. Laut: w. Name: *wunjō; altenglisch wynn. Das Urnordische verlor das anlautende w (unja), ein Grund, warum die Rune aus der skandinavischen Reihe verschwand; in England gelangte sie als wynn sogar ins gewöhnliche Alphabet. Looijenga vermutet, dass ᚹ und ᛈ beide als Abwandlungen von ᛒ entstanden.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Freude hat, wer wenig Leid kennt“, wenig Schmerz oder Kummer, und wer Wohlstand, Glück und ein auskömmliches Heim hat.

Wenne brūceþ ðe can wēana lȳt

Altenglisch Str. 8

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Freude, Harmonie, erfüllte Wünsche; das bescheidene häusliche Glück des Gedichts wird ins Spirituelle gewendet.

Die zweite ætt (Hagalls ætt): Hagalaz bis Sowilo

ᚺ Hagalaz – Hagel

Bedeutung: Hagel. Laut: h. Name: *haglaz; altenglisch hægl, altnordisch hagall. Form: in Skandinavien ein H mit einem einzigen schrägen Querstrich; das doppelt gestrichene ᚻ findet sich auf dem Kontinent, in Friesland und in England, nie in Skandinavien.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Hagel ist das weißeste der Körner“; er wirbelt vom Himmel herab und wird dann zu Wasser. Norwegisch: „Hagel ist das kälteste der Körner; Christus schuf die Welt in alter Zeit“. Isländisch: „Hagel: kaltes Korn, treibender Graupelschauer, Krankheit der Schlangen“. Die Krankheit der Schlangen, eine Kenning für den Winter, kennt nur das isländische Gedicht.

Hægl byþ hwītust corna
Hagall er kaldastr korna; Kristr skóp hæimenn forna
Hagall er kaldakorn ok krapadrífa ok snáka sótt

Altenglisch Str. 9 · Altnorwegisch Str. 7 · Altisländisch Str. 7

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): eine plötzliche Erschütterung, die den Weg für Veränderung frei macht.

ᚾ Naudiz (Nauthiz) – Not, Zwang

Bedeutung: Not, Bedrängnis. Laut: n. Name: *naudiz, auch Nauthiz oder Naudhiz geschrieben; altenglisch nȳd, altnordisch nauðr.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Not liegt eng auf der Brust“, wird aber oft zu Hilfe und Heil für die, die rechtzeitig auf sie achten. Norwegisch: „Not lässt wenig Wahl; der Nackte friert im Frost“. Isländisch: „Not ist der Magd Kummer und ein schweres Los“, dazu mühselige Arbeit.

Nȳd byþ nearu on brēostan
Nauðr gerer næppa koste; nøktan kælr í froste
Nauð er Þýjar þrá ok þungr kostr

Altenglisch Str. 10 · Altnorwegisch Str. 8 · Altisländisch Str. 8

Weitere Quellen: Sigrdrífumál 7, „Not sollst du auf die Nägel zeichnen“, nennt die Rune beim Namen; Looijenga bringt die drei n-Runen auf dem Amulett von Lindholm vorsichtig mit den „Nöten“ späterer Zaubersprüche in Verbindung.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Härte, Geduld, Widerstandskraft; die Erklärung der Form als „Feuerbohrer“ findet in mittelalterlichen Quellen keine Stütze.

ᛁ Isa – Eis

Bedeutung: Eis. Laut: i. Name: *īsaz, auch Isaz geschrieben; altenglisch īs, altnordisch íss. Die Form ist ein einzelner senkrechter Strich.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Eis ist überaus kalt, über die Maßen glatt“; es glitzert klar wie Glas, wie Edelsteine, ein Boden, vom Frost gemacht, schön anzusehen. Norwegisch: „Eis nennen wir eine breite Brücke; den Blinden muss man führen“. Isländisch: „Eis ist die Rinde der Flüsse und das Dach der Welle“ und eine Gefahr für todgeweihte Männer.

Īs byþ oferceald, ungemetum slidor
Ís kǫllum brú bræiða; blindan þarf at læiða
Íss er árbǫrkr ok unnar þak

Altenglisch Str. 11 · Altnorwegisch Str. 9 · Altisländisch Str. 9

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Stillstand, eine Pause, eine festgefahrene Lage; die Gedichte beschreiben echtes Eis.

ᛃ Jera – Jahr, Ernte

Bedeutung: Jahr, gute Ernte. Laut: j (wie in „Jahr“; im Englischen das y in „year“). Name: *jāran (früher *jēra); altenglisch gēr, altnordisch ár. Als das Skandinavische das anlautende j verlor, wurde der Name zu ár, und die Rune erhielt den Lautwert a.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Die Ernte ist der Menschen Hoffnung, wenn Gott, der heilige König des Himmels, die Erde helle Früchte geben lässt“, Reichen wie Armen; der Geber ist Gott, nicht ein König. Norwegisch: „Fülle ist den Menschen ein Segen; ich sage, dass Fróði freigebig war“, eine Erinnerung an den sagenhaften dänischen Friedenskönig.

Gēr byþ gumena hiht, ðonne God lǣteþ, hālig heofones cyning, hrūsan syllan beorhte blēda
Ár er gumna góðe; get ek at ǫrr var Fróðe

Altenglisch Str. 12 · Altnorwegisch Str. 10

Inschrift: Auf dem Stein von Stentoften (DR 357) steht eine einzelne j-Rune für ihren eigenen Namen: Haþuwulfar „gab gutes Jahr“. Looijenga nennt das „zumindest einen klaren Fall“ einer Rune, die als Wortzeichen (Begriffsrune) verwendet wird.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Kreisläufe, Lohn für Geduld, „die Zeit bewegt sich im Kreis“; diese Philosophie der Zeit steht nicht in den Quellen.

ᛇ Eihwaz (Eiwaz) – Eibe

Bedeutung: Eibe. Laut: unsicher, als ï umschrieben. Name: *īwaz oder *eihwaz, auch Eiwaz oder Ihwaz geschrieben; altenglisch ēoh. Sie ist die 13. von 24 Runen, nicht die Mitte der Reihe.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Die Eibe ist ein Baum mit rauer Außenseite“, hart, fest in der Erde verwurzelt, Hüterin des Feuers und eine Freude auf dem Hof. Die nordischen Gedichte stellen ihre Eibe unter eine andere Rune (siehe Algiz).

Ēoh byþ ūtan unsmēþe trēow

Altenglisch Str. 13

Das Lauträtsel: Looijenga findet die Rune als Vokal verwendet, etwa in raïhan, „Reh“, auf einem Knochen aus Caistor-by-Norwich, England (um 425–475), und vermutet, dass sie als Verbindung von i und j entstand.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Ausdauer, Tod und Wiedergeburt, Yggdrasil als „Achse zwischen den Welten“. In den Quellen ist Yggdrasil eine Esche (Völuspá 19), keine Eibe.

ᛈ Perthro (Perth) – Bedeutung unbekannt

Bedeutung: unbekannt; Spielfigur oder Würfelbecher sind Vermutungen, die sich auf eine einzige altenglische Strophe stützen. Laut: p, im frühen Germanischen selten und daher auch in Inschriften selten. Name: altenglisch peorð, ein Wort, das nur als Name dieser Rune bekannt ist; Looijenga setzt *perō mit Fragezeichen an. Auch Perth oder Pertho geschrieben.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Das jüngere Futhark hat keine p-Rune, daher behandelt sie kein nordisches Gedicht. Altenglisch: „Peorð ist immer Spiel und Lachen“ für die Stolzen, wo Krieger fröhlich beisammen in der Bierhalle sitzen. Dickins gab den Namen mit „chessman?“ (Schachfigur?) wieder und warnte, dass man „auf keine der vorgeschlagenen Bedeutungen Gewicht legen“ könne.

Peorð byþ symble plega and hlehter

Altenglisch Str. 14

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Schicksal, Zufall, Geheimnis, das „Netz des Wyrd“. Das Weben als Bild des Schicksals ist modern, wie unser Leitfaden zu den Nornen erklärt.

ᛉ Algiz (Elhaz) – Elch oder Segge (Bedeutung umstritten)

Bedeutung: umstritten; „Elch“ ist eine Vermutung, und der altenglische Name verweist auf eine Segge. Laut: ein z, das meist am Wortende stand, wie in raunijaz und erilaz, später R. Name: unbekannt; *algiz ist eine Rekonstruktion, auch Elhaz geschrieben; altenglisch eolh, für die spätere nordische Form ýr.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Die altenglische Strophe handelt von einer Pflanze: „Die Elchsegge wächst meist im Moor“; sie gedeiht im Wasser und verwundet grausam. Dickins kam zu dem Schluss, es sei „eine Binse unbekannter Art“. Die nordischen ýr-Strophen beschreiben eine Eibe (norwegisch: „Die Eibe ist im Winter der grünste der Bäume“) und einen Bogen (isländisch: „ein gespannter Bogen“).

Eolh-secg eard hæfþ oftust on fenne
Ýr er vetrgrønstr viða
… bendr bogi …

Altenglisch Str. 15 · Altnorwegisch Str. 16 · Altisländisch Str. 16

Form: ein Stab mit zwei erhobenen Armen; ab dem 6. Jahrhundert stellten skandinavische Runenritzer sie oft auf den Kopf, und aus dieser Form wurde die jüngere Rune ýr. Looijenga verweist auf dieselbe Form für z im Etruskischen und in einigen norditalischen Alphabeten.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Schutz, ein Geweih, eine zur Abwehr erhobene Hand; keine frühe Quelle schreibt ihr eine Schutzwirkung zu. Die Nationalsozialisten verwendeten die Form als „Lebensrune“, und die ADL (Anti-Defamation League) führt sie als verbreitetes Symbol weißer Rassisten, weist aber auch auf ihre Verwendung im Neuheidentum hin.

ᛊ Sowilo (Sowelu) – Sonne

Bedeutung: Sonne. Laut: s. Name: *sōwilō, auch Sowelu geschrieben; altenglisch sigel, altnordisch sól. Die Form ist ein Zickzack mit vielen Varianten.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Die Sonne ist den Seefahrern stets eine Hoffnung“, wenn sie das Bad der Fische überqueren, bis das Meerross sie an Land bringt. Norwegisch: „Die Sonne ist das Licht der Lande; ich beuge mich dem heiligen Urteil“. Isländisch: „Sonne: Schild der Wolken und leuchtende Scheibe“ und Verderben des Eises. Keines der Gedichte erwähnt den Wolf, der die Sonne bis zu Ragnarök verfolgt.

Sigel sǣmannum symble biþ on hihte
Sól er landa ljóme; lúti ek helgum dóme
Sól er skýja skjǫldr ok skínandi rǫðull

Altenglisch Str. 16 · Altnorwegisch Str. 11 · Altisländisch Str. 11

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Erfolg, Lebenskraft, Ganzheit. Das Emblem der SS wurde von dieser Rune abgeleitet; laut ADL werden die „SS-Runen“ in der Neonazi-Szene weiterhin verwendet.

Die dritte ætt (Týrs ætt): Tiwaz bis Othala

ᛏ Tiwaz (Tyr) – der Gott Týr

Bedeutung: der Gott Týr. Laut: t. Name: *tīwaz, auch Teiwaz geschrieben; altenglisch tīr (der Gott heißt dort Tīw, wie im englischen „Tuesday“), altnordisch týr. Die Form ist ein nach oben weisender Pfeil.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Die nordischen Gedichte erinnern an die Hand, die Fenrir abbiss. Norwegisch: „Týr ist der Einhändige unter den Asen; oft muss der Schmied blasen“. Isländisch: „Týr: der einhändige Gott, die Reste des Wolfs, der Herrscher der Tempel“. Der Leitstern stammt aus dem altenglischen Gedicht: „Tir ist eines der Zeichen“; er hält den Fürsten die Treue, hält über den Nachtnebeln seinen Kurs und versagt nie, ist also wohl ein Stern oder ein Sternbild. Dickins vermutete, dass Tir eine Verlesung von Tiw ist.

Tīr biþ tācna sum
Týr er æinendr ása; opt værðr smiðr blása
Týr er einhendr áss ok ulfs leifar ok hofa hilmir

Altenglisch Str. 17 · Altnorwegisch Str. 12 · Altisländisch Str. 12

Weitere Quellen: Sigrdrífumál 6 bringt die Rune mit Waffen in Verbindung: „Siegrunen“ auf dem Schwertgriff, „und zweimal sollst du Tyr anrufen“.

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Gerechtigkeit, Ehre, Sieg. Die ADL verzeichnet ein Emblem mit der Tyr-Rune für die Führerschulen der nationalsozialistischen SA und ihre fortgesetzte Verwendung durch weiße Rassisten, warnt aber davor, hinter jeder Verwendung Rassismus zu vermuten.

ᛒ Berkano (Berkana) – Birke

Bedeutung: Birke. Laut: b. Name: *berkanan, auch Berkana geschrieben; altenglisch beorc, altnordisch bjarkan. Die Form ähnelt einem lateinischen B.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Isländisch: „Birke ist ein belaubter Zweig und ein kleiner Baum“, ein junges Gehölz; kein Gedicht erwähnt eine „silberne Krone“. Norwegisch: „Die Birke hat von allen Zweigen das grünste Laub; Loki hatte Glück mit seinem Trug“, was Dickins als Anspielung auf Lokis Rolle bei Baldrs Tod las. Der altenglische Baum ist blēda lēas, „ohne Frucht“, treibt aber ohne Samen Schösslinge (Str. 18), was nach Dickins zur Pappel passte.

Bjarkan er laufgrønstr líma; Loki bar flærða tíma
Bjarkan er laufgat lim ok lítit tré

Altnorwegisch Str. 13 · Altisländisch Str. 13

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Wachstum, Erneuerung, Mutterschaft, die „Birkengöttin“; eine solche Göttin kommt in den nordischen Quellen nicht vor.

ᛖ Ehwaz – Pferd

Bedeutung: Pferd. Laut: e. Name: *ehwaz, verwandt mit lateinisch equus; altenglisch eh. In Skandinavien wurde das Wort zu jór, und die Rune verschwand. Die Form ähnelt einem M.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Das Pferd ist vor den Kriegern die Freude der Fürsten“, ein Ross, stolz auf seine Hufe, wenn reiche Männer zu Pferd Worte darüber wechseln. Die Reiter tauschen Worte (wrixlaþ sprǣce), nicht Pferde.

Eh byþ for eorlum æþelinga wyn

Altenglisch Str. 19

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Partnerschaft, Vertrauen, Bewegung; die Bindung zwischen Pferd und Reiter ist eine moderne Ausschmückung.

ᛗ Mannaz – Mann, Mensch

Bedeutung: Mann, Mensch. Laut: m. Name: *mannaz; altenglisch man, altnordisch maðr.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Der Mensch ist in seiner Freude seinen Verwandten lieb“, doch jeder muss den anderen im Stich lassen, denn der Herr wird das arme Fleisch der Erde übergeben. Norwegisch: „Der Mensch ist Mehrung des Staubes; groß ist der Griff des Habichts“. Isländisch: „Mensch: des Menschen Freude, Mehrung der Erde, Schmuck der Schiffe“. Dickins merkt an, dass maðr er manns gaman aus Hávamál 47 entlehnt ist.

Man byþ on myrgþe his māgan lēof
Maðr er moldar auki; mikil er græip á hauki
Maðr er manns gaman ok moldar auki ok skipa skreytir

Altenglisch Str. 20 · Altnorwegisch Str. 14 · Altisländisch Str. 14

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): das Selbst, die Menschheit, gegenseitige Abhängigkeit; die Sterblichkeit, die alle drei Gedichte beherrscht, fällt dabei weg.

ᛚ Laguz – Wasser, Meer (oder Lauch)

Bedeutung: Wasser, Meer, in allen drei Gedichten. Laut: l. Name: *laguz; altenglisch lagu, altnordisch lǫgr. Looijenga weist darauf hin, dass einige handschriftliche Runenreihen Namen überliefern, die auf *laukaz, „Lauch“, deuten, ein Formelwort auf mehreren Brakteaten.

Runengedichte (eigene Übersetzung): Altenglisch: „Das Meer scheint den Menschen endlos“, die sich auf schwankendem Schiff hinauswagen müssen, während die Wellen sie in Schrecken versetzen. Norwegisch: „Ein Wasserfall ist Wasser, das vom Berg stürzt“, Schmuck aber ist aus Gold. Isländisch: „Wasser: wallender Strom, weiter Kessel, Land der Fische“.

Lagu byþ lēodum langsum geþūht
Lǫgr er, fællr ór fjalle, foss
Lǫgr er vellanda vatn ok víðr ketill ok glǫmmungr grund

Altenglisch Str. 21 · Altnorwegisch Str. 15 · Altisländisch Str. 15

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Intuition, Gefühl, das Unbewusste; das Unbewusste ist eine Vorstellung des 20. Jahrhunderts.

ᛜ Ingwaz (Inguz) – der Gott Ing

Bedeutung: der Gott oder Held Ing. Laut: ŋ, das „ng“ in „singen“. Name: *ingwaz, auch Inguz geschrieben; altenglisch ing. Form: ein kleines Quadrat oder eine Raute. Looijenga stellt fest, dass diese frei stehende Form nur in den Reihen von Kylver und Vadstena vorkommt; in tatsächlichen Wörtern wird der Laut mit einem höheren Zeichen auf einem Stab geschrieben, das sie als Binderune aus i und ŋ liest.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Ing wurde zuerst bei den Ostdänen von den Menschen gesehen“, bis er wieder ostwärts über die Wogen zog, sein Wagen hinter ihm her; so nannten die Heardinger den Helden. Dickins verband Ing mit dem schwedischen Gott Yngvi-Freyr; diese Verbindung ist weithin anerkannt, doch das Gedicht nennt Freyr nicht. Freyr ist Freyjas Bruder, nicht ihr Zwilling.

Ing wæs ǣrest mid Ēast-Denum gesewen secgun

Altenglisch Str. 22

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Fruchtbarkeit, Reifezeit, Vollendung.

ᛞ Dagaz – Tag

Bedeutung: Tag. Laut: d. Name: *dagaz; altenglisch dæg. Form: zwei Dreiecke, die sich mit ihren Spitzen berühren; Looijenga leitet sowohl ᛞ als auch ᛜ vom römischen D ab. Auf dem Stein von Kylver ist sie die letzte Rune, auf den Brakteaten von Vadstena und Grumpan die vorletzte.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Der Tag ist der Bote des Herrn, den Menschen lieb, das herrliche Licht des Schöpfers“, Freude und Hoffnung für Reiche wie Arme.

Dæg byþ drihtnes sond, dēore mannum, mǣre metodes lēoht

Altenglisch Str. 24

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Durchbruch, Erwachen, „zwei Kräfte im Gleichgewicht“, in die Form hineingelesen.

ᛟ Othala (Odal, Othila) – ererbtes Land, Landgut

Bedeutung: ererbtes Land, Landgut. Laut: o. Name: *ōþalan, auch Othalan, Othila oder Odal geschrieben; altenglisch ēþel. Die Form ist eine Raute auf zwei Beinen.

Runengedicht (eigene Übersetzung): Nur altenglisch: „Die Heimat ist jedem Menschen überaus lieb“, wenn er dort, in seinem eigenen Haus, das Rechte und Gebührende in Wohlstand genießen darf. Es geht um ein friedliches Zuhause, nicht um Blutlinien. Da die ältesten Reihen uneins sind, ob Othala oder Dagaz am Schluss steht, beruhen Deutungen des Futhark als Reise, die im Erbe „endet“, auf nur einer von mehreren Anordnungen.

Ēþel byþ oferlēof ǣghwylcum men

Altenglisch Str. 23

Moderne Orakelbedeutung (nicht altnordisch): Erbe, Heim, Abstammung. Eine Warnung: Laut ADL erschien Othala in den Abzeichen zweier Divisionen der Waffen-SS und ist seither ein Symbol weißer Rassisten; die ADL verweist aber auch auf die harmlose Verwendung durch Heiden, es kommt also auf den Zusammenhang an.

Wie Odin die Runen fand: was die Hávamál berichten

Der Mythos stammt aus den Hávamál, den „Sprüchen des Hohen“, überliefert in der Handschrift Codex Regius von etwa 1270. In dem Abschnitt, den man oft Rúnatal nennt (Strophen 138–145; bei Bellows 139–146), erzählt Odin, wie er die Runen gewann:

„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum,
hing dort neun volle Nächte;
vom Speer verwundet, und geopfert ward ich
dem Odin, ich selbst mir selbst,
an dem Baum, von dem niemand je weiß,
welche Wurzel unter ihm läuft.“

Hávamál, Strophe 138 (bei Bellows 139), ins Deutsche übertragen nach der englischen Übersetzung von Henry Adams Bellows (1923)

Dann: „Ich nahm die Runen auf, schreiend nahm ich sie, / und sogleich fiel ich zurück“ (139; bei Bellows 140). Das Gedicht nennt weder den Baum noch sagt es, wessen Speer es war, und die Runen „offenbaren sich“ nicht: Odin blickt hinab und nimmt sie auf. Den windigen Baum mit Yggdrasil gleichzusetzen, ist ein naheliegender Schluss, den Bellows in seinen Anmerkungen zieht, doch die Strophe nennt keinen Namen.

Darauf folgt eine eigene Liste, das Ljóðatal (146–163; bei Bellows 147–165), in dem Odin achtzehn Zauberlieder (ljóð) aufzählt: zum Heilen, um die Klinge eines Feindes stumpf zu machen, um das Meer zu beruhigen. Nur das zwölfte verwendet ausdrücklich Runen, um einen Gehenkten zum Sprechen zu bringen: „So ritze und färbe ich die Runen, / dass er sich aufmacht / und mit mir spricht“ (157; bei Bellows 158). Die Hávamál geben keiner einzelnen Rune eine Bedeutung. Ein anderes Eddalied, die Sigrdrífumál, nennt zwei: „Siegrunen“ soll man auf den Schwertgriff ritzen, „und zweimal sollst du Tyr anrufen“ (6), und „Not sollst du auf die Nägel zeichnen“ (7).

Wie Runen tatsächlich verwendet wurden: Schrift, Gedenksteine und Magie

Die meisten Inschriften im älteren Futhark sind kurz und praktisch: ein Name auf einem Kamm, der Name einer Waffe, eine Herstellerformel wie auf dem verlorenen Goldhorn von Gallehus in Dänemark, ek hlewagastiz holtijaz horna tawido, „Ich, Hlewagastiz Holtijaz, machte das Horn“ (DR 12, um 400–470). Längere Texte erinnern an Verstorbene. Der Stein von Tune in Norwegen (N KJ72, um 375–530), für Woduridaz errichtet, berichtet, dass „drei Töchter“ etwas mit arbija, dem Erbe, taten; Rundata bietet zwei Lesungen an: Entweder sorgten sie für das Denkmal, oder sie teilten das Erbe. Unser Leitfaden zu den Bestattungsriten der Wikinger geht auf solche Steine ein.

Manche Inschriften sind rituell oder sollen schützen, und das sagen sie ausdrücklich in Worten. Goldbrakteaten, Anhänger nach dem Vorbild römischer Medaillons, tragen Formeln wie alu (wörtlich „Bier“, seine Funktion ist umstritten) und gibu auja, „ich gebe Glück“. Der Stein von Björketorp in Blekinge (DR 360, um 520–700) verflucht jeden, der ihn zerstört: In der Übersetzung von Rundata verbirgt der Runenritzer „Machtrunen“, und dem Frevler droht ein „heimtückischer Tod“. Das aaaaaaaazzznnn-bmuttt auf dem Amulett von Lindholm wiederholt Runen nach einem Muster, das bisher niemand überzeugend gedeutet hat. Looijengas Vorsicht ist angebracht: Es sei „unmöglich, zweifelsfrei zu bestimmen“, welche frühen Texte religiös waren.

In der Egils saga (Kapitel 72; Kapitel 75 in der Übersetzung von W. C. Green, 1893) findet Egill ein Stück Walknochen mit falsch geritzten Liebesrunen, die ein Mädchen krank gemacht haben. Er verbrennt es und sagt: „Runen soll niemand ritzen, / der sie nicht zu lesen weiß“, dann ritzt er neue Runen, und sie wird gesund. Das ist eine Saga aus dem 13. Jahrhundert, kein Handbuch. Tacitus (Germania 10, 98 n. Chr.) beschreibt Losorakel: Stäbchen vom Zweig eines Fruchtbaums, „mit bestimmten Zeichen versehen“, die auf ein weißes Tuch geworfen und von einem Priester oder Hausvater gedeutet werden. Er schrieb Jahrzehnte vor den ältesten datierten Runen und sagt nicht, dass diese Zeichen Runen waren.

Binderunen: historische Ligaturen und moderne Sigillen

Eine Binderune verbindet zwei oder mehr Runen an einem gemeinsamen Stab. Binderunen sind tatsächlich alt: Der Lanzenschaft von Kragehul schreibt g+a dreimal als einzelnes Zeichen, und der Stein von Tune verbindet d und a. In solchen Texten sparen die Verbindungen Platz oder dienen als Schmuck, und ihr Zweck muss aus jeder Inschrift einzeln erschlossen werden. Runen nach ihren Orakel-Schlagwörtern auszuwählen und zu einem persönlichen Talisman zu verschmelzen, hat kein historisches Vorbild; das ist zeitgenössische Kunst und sollte auch so bezeichnet werden. Die bekannteste moderne Binderune ist ein Logo: Die Bluetooth Special Interest Group erklärt, ihr Symbol verbinde die Runen Hagall (ᚼ) und Bjarkan (ᛒ) des jüngeren Futhark, die Initialen des dänischen Königs Harald Blauzahn (englisch Bluetooth). Unser Beleg-Index der Symbole legt denselben Maßstab an andere „Wikinger“-Zeichen an.

Englisch (und Deutsch) mit dem älteren Futhark schreiben

Für modernes Englisch gibt es keine historische Schreibweise in Runen des älteren Futhark, und für modernes Deutsch ebenso wenig: Die Schrift war längst außer Gebrauch, als das Englische seine heutige Form annahm, und die Angelsachsen verwendeten eine erweiterte Reihe, das Futhorc. Einen Namen in Runen zu schreiben, ist eine moderne Transliteration, die sich nach dem Klang richtet, nicht nach der Rechtschreibung:

  • eine Rune pro Laut: ᚦ für th, ᛜ für ng, ᛃ für das j in „ja“ (im Englischen das y in „yes“);
  • keine Runen für c, q, v oder x: ᚲ für k und hartes c, ᛊ für weiches c (im Englischen wie s gesprochen), ᚲᚹ für qu, ᚲᛊ für x, und ᚠ oder ᚹ für v;
  • frühe Runenritzer schrieben Doppelkonsonanten oft nur einmal, daher kommt ᚨᚾᚨ für „Anna“ ihren Gewohnheiten näher als ᚨᚾᚾᚨ.

Bevor du einen Text ritzt oder tätowieren lässt, prüfe ihn Rune für Rune anhand der Tabelle: Viele Online-Konverter vermischen Formen des älteren und des jüngeren Futhark. Beliebte Motive stützen sich auf die ältere Reihe: Unsere Studie zu Tattoos mit Wikinger-Symbolen hat ergeben, dass Leserinnen und Leser der englischsprachigen Wikipedia das ältere Futhark 2,2-mal so oft aufrufen wie das jüngere.

Moderne Runenbedeutungen, Runenorakel und die leere „Odin-Rune“

Die Ein-Wort-Bedeutungen der Runen, die man auf den meisten Websites findet, gehören zu einer modernen Tradition, deren Geschichte sich nachzeichnen lässt. Eine frühe Quelle war der österreichische Okkultist Guido von List, dessen Das Geheimnis der Runen (1907 laut Neuer Deutscher Biographie, oft auf 1908 datiert) eine Reihe von 18 Runen auf Grundlage des jüngeren Futhark vorstellte, das später so genannte Armanenfuthark. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt List als einflussreichen Exponenten völkisch-neuheidnischer Religionsentwürfe, der die Überlegenheit der „arischen Rasse“ lehrte.

In den 1980er-Jahren wurde das Runenwerfen zu einem beliebten Zeitvertreib. Ralph Blums The Book of Runes (Erstausgabe 1982) wurde als Set verkauft; Bibliothekskataloge beschreiben es mit 25 Runensteinen, den 24 Runen und einem leeren Stein. Blum selbst nennt die leere Rune eine „spätere Neuerung“: Nach seiner eigenen Darstellung gehörte sie zu einem selbst gemachten Set mit zwei fotokopierten Blättern voller Bedeutungen, das er 1976 in England erwarb. Sein Buch überschreibt sie mit „The Unknowable“ (das Unerkennbare) und verbindet sie mit dem Gott Odin, und Runensets verkaufen sie heute als „Odin-Rune“ oder „Wyrd-Rune“. In keiner historischen Runenreihe gibt es sie: Kylver und die Brakteaten zeigen 24 Runen. Stephen Flowers veröffentlichte 1984 unter dem Namen Edred Thorsson Futhark: A Handbook of Rune Magic, und viele spätere Handbücher bauen auf diesen Autoren auf. Umgekehrte Bedeutungen gehören zur selben modernen Praxis; nichts in den Gedichten oder Inschriften stützt sie.

Nichts davon macht die moderne Runenpraxis als persönliche oder religiöse Entscheidung illegitim. Es bedeutet nur, dass man eine Bedeutung als das ausweisen sollte, was sie ist: „Reichtum“ für Fehu ist ein Name aus mittelalterlichen Gedichten; „Fülle, die dir zuströmt“ ist eine Deutung des 20. Jahrhunderts.

In den Quellen / Moderner Mythos

In den Quellen: 24 Runen in fester Reihenfolge (Kylver, Vadstena, Grumpan); Namen und Glossen in drei mittelalterlichen Runengedichten; Odin, der die Runen gewinnt (Hávamál 138–139); Runen, die in Zaubersprüchen beim Namen genannt werden (Sigrdrífumál 6–7); Schutz- und Fluchformeln, auf Brakteaten und Steinen in Worten ausgeschrieben. Modern: die leere „Odin-Rune“; umgekehrte Bedeutungen; ein Schlagwort pro Rune; Heimdalls ætt; persönliche Binderunen als Sigillen; die 18 Armanen-Runen.

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Der Autor schreibt auch moderne Lieder, die von diesen Quellen inspiriert sind, darunter Syng rúnar.

Häufige Fragen

Welche 24 Runen hat das ältere Futhark?

Der Reihe nach, mit der Bedeutung des Namens: Fehu (Vieh, Reichtum), Uruz (Auerochse), Thurisaz (Riese; im Englischen Dorn), Ansuz (ein Gott), Raidho (Reiten), Kenaz (Fackel oder Geschwür), Gebo (Gabe), Wunjo (Freude); Hagalaz (Hagel), Naudiz (Not), Isa (Eis), Jera (Jahr, Ernte), Eihwaz (Eibe), Perthro (unbekannt), Algiz (unsicher, vielleicht Elch), Sowilo (Sonne); Tiwaz (der Gott Týr), Berkano (Birke), Ehwaz (Pferd), Mannaz (Mensch), Laguz (Wasser), Ingwaz (der Gott Ing), Dagaz (Tag), Othala (ererbtes Land). Die Namen sind rekonstruiert, und die ältesten Reihen weichen in der Reihenfolge leicht voneinander ab.

Was bedeutet Futhark?

Futhark ist ein moderner Name, gebildet aus den Lauten der ersten sechs Runen, f, u, th, a, r und k, so wie das Wort Alphabet von Alpha und Beta kommt. Gesprochen wird es meist FU-thark, mit langem u und englischem th. Die englische Form der Reihe heißt Futhorc.

Wie alt ist das ältere Futhark?

Die älteste sicher datierte Inschrift, harja auf einem Kamm aus Vimose in Dänemark, stammt aus der Zeit um 160 n. Chr., und der Stein von Svingerud in Norwegen könnte älter sein. Das ältere Futhark wurde bis etwa 650 verwendet; nach einem Übergang, der auf den Blekinge-Steinen sichtbar ist (etwa 520 bis 700), hatte sich das jüngere Futhark bis zum frühen 8. Jahrhundert durchgesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen dem älteren und dem jüngeren Futhark?

Das ältere Futhark hat 24 Runen und war etwa von 150 bis 650 n. Chr. in Gebrauch. Das jüngere Futhark hat 16 Runen und war die skandinavische Schrift der Wikingerzeit. Es ließ Gebo, Wunjo, Eihwaz, Perthro, Ehwaz, Ingwaz, Dagaz und Othala weg, und jede verbliebene Rune stand für mehrere Laute: k schrieb auch g, t auch d, b auch p.

Haben die Wikinger das ältere Futhark verwendet?

Nein. Die Skandinavier der Wikingerzeit, etwa 750 bis 1050, schrieben mit dem jüngeren Futhark aus 16 Runen, das aus der älteren Reihe hervorgegangen war, nachdem diese außer Gebrauch gekommen war.

Woher stammen die Bedeutungen der Runen?

Aus den Namen der Runen, die in mittelalterlichen Handschriften überliefert sind, vor allem in drei Runengedichten: dem altenglischen Runengedicht, das alle 24 Runen behandelt, und dem norwegischen und dem isländischen Gedicht, die die 16 Runen der jüngeren Reihe behandeln. Die frühen germanischen Namen werden aus diesen späteren erschlossen. Die Schlagwort-Bedeutungen des Runenorakels sind modern.

Welche Rune bedeutet Schutz?

In der modernen Runenpraxis Algiz (auch Elhaz geschrieben), die Rune mit den zwei erhobenen Armen. Diese Bedeutung ist modern: Der ursprüngliche Name der Rune ist unbekannt, und das altenglische Gedicht beschreibt eine Segge. Frühe Schutzwünsche wurden in Worten ausgeschrieben, etwa gibu auja, ich gebe Glück, auf einem goldenen Anhänger. Die Nationalsozialisten verwendeten dieselbe Form als Lebensrune, deshalb kommt es auf den Zusammenhang an.

Wie schreibe ich meinen Namen in Runen des älteren Futhark?

Nach dem Klang, eine Rune pro Laut: ᚦ für th, ᛜ für ng, ᚲ für k und hartes c, ᚲᛊ für x. Jede Fassung ist eine moderne Transliteration. Prüfe sie Rune für Rune, denn viele Online-Konverter vermischen Formen des älteren und des jüngeren Futhark.

Was ist die leere Rune oder Odin-Rune?

Ein leerer Stein, der modernen Runensets beigelegt wird und durch Ralph Blums The Book of Runes (Erstausgabe 1982) bekannt wurde. Blum nennt ihn eine spätere Neuerung, die zu einem Set gehörte, das er 1976 in England erwarb, überschreibt ihn mit The Unknowable und verbindet ihn mit Odin. Keine historische Runenreihe kennt eine leere Rune.

Wurden Runen für Magie verwendet?

Manchmal, aber zuerst waren sie eine Schrift. Die meisten frühen Inschriften sind Namen, Herstellerformeln und Gedenkinschriften. Manche tragen Schutz- oder Ritualformeln, etwa gibu auja, ich gebe Glück, und der Stein von Björketorp verflucht jeden, der ihn zerstört. Jeder Fall muss nach seinem eigenen Text beurteilt werden.

Sind Runen keltisch?

Nein. Runen sind eine germanische Schrift, die in Skandinavien, Deutschland, Friesland und England verwendet wurde. Die frühe irische Schrift war Ogham, ein anderes System. Keltische Runensets, wie sie heute verkauft werden, sind moderne Produkte.

Quellen und redaktionelle Hinweise

Die englische Originalfassung dieses Leitfadens wurde im Oktober 2026 neu geschrieben und überprüft. Sie trennt, was die Inschriften zeigen, was die mittelalterlichen Runengedichte sagen und was moderne Autoren hinzugefügt haben.

  • Runengedichte: Bruce Dickins, Runic and Heroic Poems of the Old Teutonic Peoples (Cambridge, 1915), S. 6–33, für die altenglischen und altnordischen Texte und Anmerkungen; die Übersetzungen auf dieser Seite sind unsere eigenen.
  • Inschriften: Rundata: G 88, Ög 178, Vg 207, DR 12, DR 196, DR 207, DR 261, DR 357, DR 358, DR 360, N KJ31, N KJ63, N KJ72, mit Datierungen nach Imer (2007); Tineke Looijenga, Texts and Contexts of the Oldest Runic Inscriptions (Brill, 2003); die Seite „The first runes“ des Historischen Museums Stockholm und sein Sammlungseintrag zum Stein von Kylver; Steinar Solheim, Kristel Zilmer u. a., „Inscribed sandstone fragments of Hole, Norway“, Antiquity 99 (2025), zum Stein von Svingerud.
  • Texte: Hávamál, Sigrdrífumál, Skírnismál und Völuspá in der Übersetzung von Henry Adams Bellows (1923), der altnordische Text nach Edward Pettits frei zugänglicher Ausgabe The Poetic Edda: A Dual-Language Edition (2023); Egils saga, übersetzt von W. C. Green (1893); Tacitus, Germania 10 (Oxford-Übersetzung, überarbeitet); Cleasby und Vigfússon, An Icelandic-English Dictionary (1874), s. v. hagall.
  • Moderne Rezeption: Robert Suckro, „List, Guido“, NDB-online (2026); die ADL-Einträge zu Othala, der Lebensrune, der Tyr-Rune und den SS-Runen; die Bluetooth SIG zu ihrem Logo; Ralph Blum, The Book of Runes (1982; geprüft in der Londoner Ausgabe von 1985), Einleitung und Eintrag zur leeren Rune.
  • Weiterführende Literatur: R. I. Page, Runes (1987); Michael P. Barnes, Runes: A Handbook (2012); Terje Spurkland, Norwegian Runes and Runic Inscriptions (2005).

Die Fotos zeigen echte Objekte, die Bildnachweise stehen jeweils darunter. Generierte Bilder, die in früheren Fassungen dieser Seite verwendet wurden, darunter eine nachgeahmte Handschrift, wurden entfernt.

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