Lokis Kinder: alle sechs, auch das eine, das er selbst zur Welt brachte
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- Wie viele Kinder hat Loki?
- Die Mutter der Ungeheuer: Angrboða
- Fenrir: Der Wolf, der Odin verschlingt
- Jörmungandr: Die Midgardschlange, die Thor tötet
- Hel: Die Tochter, die über die Toten herrscht
- Sleipnir: Das Kind, das Loki selbst gebar
- Narfi und Váli: Die Söhne, die für ihren Vater büßten
- Das Problem der zwei Vális (und die Verwirrung um Nari)
- Eine Familie, eine Apokalypse
- Lokis Kinder in den Primärquellen
- Häufig gestellte Fragen
- Das Haus am Ende der Welt
Einer seiner Söhne wird den König der Götter verschlingen. Ein anderer wird den Donnergott töten. Seine Tochter wird über fast alle Toten herrschen. Ein weiterer Sohn wird von seinem eigenen Bruder zerrissen, und mit seinen Eingeweiden wird der Vater bis zum Ende der Welt an einen Felsen gefesselt. Und eines seiner Kinder, der seltsamste Fall von allen, wurde gar nicht von Loki gezeugt.
Dieses Kind hat Loki selbst zur Welt gebracht.
Die Familie des Loki hat in den Mythologien der Welt nicht ihresgleichen. Eine Familie im gewöhnlichen Sinn ist sie nicht, eher eine Sammlung lebender Werkzeuge des Schicksals: ein Wolf, eine Schlange, eine halbtote Königin, ein achtbeiniges Pferd und zwei todgeweihte Brüder, die alle um die zwiespältigste Gestalt des nordischen Götterhimmels kreisen. Auf das Konto von Lokis Kindern gehen Odins Tod, Thors Tod, die Gefangenschaft ihres eigenen Vaters und am Ende der Untergang der Welt selbst.
Dieser Artikel stellt alle sechs vor, unmittelbar aus den Primärquellen geschöpft: der Lieder-Edda und der Prosa-Edda des Snorri Sturluson. Wer sie waren, wer ihre Mütter waren, was die Götter jedem Einzelnen von ihnen antaten und warum die nordischen Erzähler aus einem einzigen Stammbaum eine ganze Apokalypse bauten. Nebenbei entwirren wir zwei Verwechslungen, über die fast jede populäre Nacherzählung stolpert: die zwei verschiedenen Götter namens Váli und das Rätsel Nari oder Narfi.
Als Begleitung zur Lektüre: Die atmosphärische Musik von Mythic Harmonies auf YouTube schöpft aus derselben altnordischen Überlieferung, der wir die Geschichte dieser Familie verdanken.
Wie viele Kinder hat Loki?
In den nordischen Quellen hat Loki sechs Kinder. Mit der Riesin Angrboða zeugte er drei: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel, die Herrscherin über die Toten. Mit seiner Frau, der Göttin Sigyn, hatte er zwei Söhne: Narfi und Váli. Und in Gestalt einer Stute brachte Loki selbst ein sechstes Kind zur Welt: Sleipnir, das achtbeinige Pferd, das später Odins Reittier wurde.
Spätere Volksüberlieferungen fügen weitere Namen hinzu, etwa zwei Töchter mit einer Feuerriesin namens Glut. In den Edden kommen sie jedoch nicht vor, und sie gelten allgemein als späte Erfindungen, nicht als echte nordische Mythologie. Die Lokasenna deutet außerdem an, dass Loki in weiblicher Gestalt weitere Kinder geboren habe, doch kein erhaltener Mythos erklärt diese Anspielung. Die sechs oben genannten sind die Kinder, die die mittelalterlichen Quellen tatsächlich bezeugen.
Drei Ungeheuer, zwei todgeweihte Brüder und ein Pferd. Hier stellen wir sie einzeln vor.
Die Mutter der Ungeheuer: Angrboða
Die drei bekanntesten Kinder Lokis kamen in Jötunheim zur Welt, dem Land der Riesen. Ihre Mutter war die Riesin Angrboða, deren Name „Kummerbringerin“ oder „Künderin des Leids“ bedeutet. Über sie verraten die Quellen kaum mehr als ihren Namen und ihre Nachkommen, doch schon der Name ist eine Prophezeiung: Alles, was sie zur Welt brachte, wurde den Göttern zum Kummer.

Als die Asen durch eine Prophezeiung erfuhren, dass von diesen drei Kindern großes Unheil ausgehen würde, ließ Odin sie ergreifen und nach Asgard bringen. Was die Götter danach mit jedem einzelnen Kind taten, bestimmte die gesamte Zukunft des Kosmos und hat, wie sich zeigen wird, womöglich genau das Verhängnis heraufbeschworen, das sie abwenden wollten.
Fenrir: Der Wolf, der Odin verschlingt
Das erste der drei ist Fenrir, der große Wolf, im Deutschen meist Fenriswolf genannt. Die Götter entschieden sich, ihn in Asgard großzuziehen, wo allein der Gott Týr es wagte, ihn zu füttern. Doch der Wolf wuchs in beängstigendem Tempo, und so beschlossen die Götter, ihn zu fesseln. Zwei Ketten sprengte er. Die dritte, das von Zwergen geschmiedete Band Gleipnir, hielt ihn, allerdings erst, nachdem Fenrir ein Pfand für die guten Absichten verlangt hatte: die Hand eines Gottes in seinem Maul. Týr zahlte diesen Preis, und der Wolf behielt seine Hand.
Fenrir bleibt bis zum Ragnarök auf einer öden Insel gefesselt, ein Schwert zwischen den Kiefern verkeilt. Wenn seine Fesseln schließlich reißen, erfüllt er die Prophezeiung, die die Götter verhindern wollten: Er verschlingt Odin selbst, den König der Götter, bevor er seinerseits von Odins Sohn Víðarr getötet wird.
Seine ganze Geschichte, von den drei Ketten bis zum letzten Zweikampf, erzählt unser ausführlicher Artikel über Fenrir, den Wolf, der Odin töten wird.
Jörmungandr: Die Midgardschlange, die Thor tötet
Das zweite Kind ist Jörmungandr, die Midgardschlange. Odin warf sie in das große Meer, das die Welt der Menschen umgibt, in der Erwartung, die Tiefe werde sich ihrer schon entledigen. Stattdessen wuchs die Schlange, bis ihr Leib ganz Midgard umschloss und sie den eigenen Schwanz im Maul hielt. Aus der Hinrichtung wurde eine Thronerhebung: Das verstoßene Kind wurde zur lebenden Grenze des Kosmos.
Jörmungandr ist der vorbestimmte Feind von Thor. In den Quellen begegnen sich die beiden dreimal: einmal, als die Schlange in Gestalt einer Katze auftritt, einmal bei einem Fischzug, der die Weissagung um ein Haar vorzeitig entschieden hätte, und schließlich beim Ragnarök, wo Thor die Schlange tötet und nach neun Schritten an ihrem Gift tot zusammenbricht.
Die ganze Geschichte der Schlange, auch die Frage, warum ihre Deutung als Ouroboros die nordischen Quellen missversteht, findest du in unserem eigenen Artikel über Jörmungandr, die Midgardschlange.
Hel: Die Tochter, die über die Toten herrscht
Das dritte Kind ist Hel, die einzige Tochter. Ihr Körper ist zur einen Hälfte der einer lebenden Frau, zur anderen blauschwarz wie ein Leichnam. Odin stieß sie hinab nach Niflheim, in die Welt des Nebels, doch ihre Verbannung brachte ihr etwas ein, das ihre Brüder nie erhielten: eine Krone. Man übertrug ihr die Herrschaft über alle, die an Krankheit oder Alter sterben, und das hieß in der nordischen Welt: über fast alle.
Unter den drei Geschwistern ist Hel die Stille, und vielleicht die Mächtigste. Sie kämpft nie gegen die Götter. Doch als Baldr, der beliebteste Gott des ganzen Kosmos, stirbt und in ihr Reich gelangt, bleibt der gesamten Götterwelt nichts, als sie anzuflehen. Hel stellt ihre Bedingungen. Die Bedingungen werden nicht erfüllt. Sie behält Baldr, und nicht einmal Odin kann sich über ihr Urteil hinwegsetzen.
Ihre ganze Geschichte, vom seltsamen Inventar ihrer Halle bis zum englischen Wort „hell“ (Hölle), erzählt unser Beitrag über Hel, die nordische Göttin des Todes.
Sleipnir: Das Kind, das Loki selbst gebar
Nun zur seltsamsten Geschichte dieser Familie, die zugleich zu den seltsamsten aller Mythologien zählt.
Früh in der Geschichte der Götter kam ein Baumeister nach Asgard und bot an, binnen dreier Jahreszeiten eine uneinnehmbare Mauer darum zu errichten. Sein Preis war ungeheuerlich: die Göttin Freyja zur Frau, dazu Sonne und Mond. Auf Lokis Rat willigten die Götter ein, allerdings unter Bedingungen, die einen Erfolg unmöglich machen sollten: nur ein einziger Winter, und keine Hilfe durch irgendeinen Mann.
Der Baumeister bat um ein einziges Zugeständnis: seinen Hengst Svaðilfari einsetzen zu dürfen. Die Götter stimmten zu, wieder auf Lokis Rat. Es war ein verhängnisvoller Fehler. Der Hengst schleppte Steine von solcher Größe und in solchem Tempo heran, dass die Mauer gegen Ende des Winters fast fertig war. Den Göttern drohte das Undenkbare: Freyja, Sonne und Mond herzugeben, und das wegen eines Handels, zu dem Loki sie überredet hatte.
Also nahmen sie sich Loki vor: Er sollte die Sache bereinigen, sonst drohe ihm der Tod. Und Loki bereinigte sie, wie nur Loki es konnte. Als der Baumeister an jenem Abend Svaðilfari zu den Steinen trieb, trabte eine schöne Stute aus dem Wald und wieherte den Hengst an. Svaðilfari zerriss sein Geschirr und jagte ihr die ganze Nacht hinterher, und die Arbeit des Baumeisters geriet hoffnungslos in Verzug. Wutentbrannt gab sich der Baumeister als Riese zu erkennen, und Thor beendete die Verhandlungen mit Mjölnir.
Doch die Stute kehrte in jener Nacht nicht zurück, und auch in vielen Nächten danach nicht. Die Stute war Loki in verwandelter Gestalt, und die Jagd hatte geendet, wie solche Jagden eben enden. Einige Zeit später tauchte Loki wieder in Asgard auf, mit einem grauen Fohlen, das acht Beine hatte. Er hatte das Kind selbst ausgetragen und zur Welt gebracht.
Dieses Fohlen war Sleipnir, „der Gleitende“, und er wuchs zum besten aller Pferde heran: Odins achtbeiniges Ross, schneller als alles, was lebt, und fähig, zwischen den Welten zu reisen, selbst den langen, dunklen Weg hinab ins Reich der Toten. Als Hermóðr zu Hel ritt, um für Baldrs Rückkehr zu bitten, trug ihn Sleipnir. Lies das noch einmal mit dem Stammbaum vor Augen: Die Götter schickten ein Kind Lokis, um mit einem anderen zu verhandeln.

Peinlich ist den Quellen nichts davon. Snorri berichtet es ohne Umschweife, und das achtbeinige Pferd wurde zu einem der beliebtesten Motive der nordischen Kunst: Schon vor mehr als tausend Jahren erscheint es auf den Bildsteinen Gotlands. Vielleicht fanden es die Menschen des Nordens nur folgerichtig, dass das beste Pferd des Kosmos vom klügsten Wesen darin zur Welt gebracht wurde und dass Odins treuester Gefährte dem Blut nach ein Kind Lokis war.
In Lokis eigenem Namen verbirgt sich sogar ein sprachliches Augenzwinkern. Die nordische Namensgebung war patronymisch: Kinder trugen den Namen des Vaters, Eiríksson, Þorvaldsdóttir. Loki aber heißt in den Quellen „Laufeyjarson“, Sohn seiner Mutter Laufey, eines der seltenen Matronyme der Mythologie. Der Gott, der die Namensregeln brach, sollte später selbst Mutter werden. Wie diese Regeln im Einzelnen funktionierten, von -son bis -dóttir, erklärt unser Leitfaden zu den Namensbräuchen der Wikinger.
Narfi und Váli: Die Söhne, die für ihren Vater büßten
Die letzten beiden Kinder sind die Tragödie der Familie, und die Quellen gestehen ihnen kaum ein eigenes Leben zu. Es gibt sie in den Mythen nur für eine einzige, furchtbare Szene.
Mit seiner Frau Sigyn, einer Göttin aus dem Geschlecht der Asen, hatte Loki zwei Söhne: Narfi und Váli. Anders als bei ihren monströsen Halbgeschwistern deutet nichts darauf hin, dass man sie fürchtete, dass Weissagungen ihnen galten oder dass sie etwas anderes als gewöhnlich waren. Gerade das macht ihr Schicksal so finster.
Nachdem Loki den Tod Baldrs eingefädelt und dann bei Ægirs Gastmahl jeden einzelnen Gott beleidigt hatte, machten die Asen endlich Jagd auf ihn. Sie fingen ihn in einem Fluss, wo er sich in einen Lachs verwandelt hatte, und brachten seine beiden Söhne in die Höhle, in der er bestraft werden sollte. Dort verwandelten die Götter Váli in einen Wolf. In seiner tierischen Raserei zerriss Váli seinen Bruder Narfi. Mit Narfis Eingeweiden fesselten die Götter Loki dann an drei Steine, und die Fesseln wurden zu Eisen. Über seinem Gesicht befestigten sie eine Schlange, deren Gift auf ihn herabtropft, und dort liegt Loki bis zum Ragnarök.
Sigyn blieb. Sie steht neben ihrem gefesselten Mann und fängt das Gift in einer Schale auf, bevor es sein Gesicht trifft. Doch wenn die Schale voll ist, muss sie sich abwenden, um sie zu leeren, und in diesen Augenblicken trifft ihn das Gift: Loki bäumt sich so heftig auf, dass die Erde selbst bebt. Mit diesem Bild erklärten die Menschen des Nordens Erdbeben. Jedes Beben ist Loki, der sich in seinen Fesseln windet, während eine treue Frau eine Schale ausleert.

Keiner der beiden Brüder hat in den Quellen irgendetwas getan, womit er das verdient hätte. Ihr Tod und die Schändung ihrer Körper dienen allein als Strafe für den Vater, als Vergeltung Auge um Auge für den Tod von Odins Sohn. Zeigen die monströsen Kinder, wie die Götter mit dem umgingen, was sie fürchteten, so zeigen Narfi und Váli, wie weit die Götter in ihrer Trauer zu gehen bereit waren.
Das Problem der zwei Vális (und die Verwirrung um Nari)
Zwei echte Verwechslungen ziehen sich durch die populären Nacherzählungen dieser Familie. Es lohnt sich, sie kurz zu entwirren, denn selbst sorgfältige Leser tappen in die Falle.
In der nordischen Mythologie gibt es zwei verschiedene Gestalten namens Váli. Der eine ist der Sohn Lokis und Sigyns, der in einen Wolf verwandelt wird, um seinen Bruder zu töten. Der andere ist ein Sohn Odins, eigens dafür geboren, Baldr zu rächen, indem er den blinden Gott Höðr tötet, und dazu bestimmt, Ragnarök zu überleben. Es handelt sich nicht um dasselbe Wesen. Viele Websites und sogar manche Bücher verschmelzen die beiden zu einer Figur, und heraus kommt das unsinnige Bild eines Sohnes Odins, der in einen Wolf verwandelt wird, um einen Sohn Lokis zu ermorden. Die Quellen halten sie auseinander: Váli Lokason stirbt in der Höhle, Váli Odinson schreitet in die neue Welt, nachdem die alte verbrannt ist.
Auch der Name des anderen Bruders schwankt. Snorris Prosa-Edda nennt ihn Nari oder Narfi und behandelt beide Namen als dieselbe Person. Der Prosaschluss des eddischen Gedichts Lokasenna dagegen macht aus Nari und Narfi zwei verschiedene Söhne, wobei Narfi zum Wolf wird. Die Handschriften widersprechen einander schlicht, und redliche Forschung sagt das offen, statt es zu übertünchen. Einig sind sich alle Fassungen im Ergebnis: Ein Sohn Sigyns stirbt in den Fängen des anderen, und seine Eingeweide fesseln den Vater.
Diese Ungereimtheiten sind keine Mängel, die man verstecken müsste. So sieht eine echte mündliche Überlieferung aus, wenn sie Jahrhunderte später von verschiedenen Händen aufgeschrieben wird. Lokis Familie erreicht uns in Bruchstücken, und die Bruchstücke passen nicht immer zusammen. Auch das gehört zur Geschichte.
Eine Familie, eine Apokalypse
Tritt man einen Schritt zurück und betrachtet, was diese Familie im Ganzen der nordischen Mythologie bewirkt, zeigt sich ein Muster, das kein Artikel über ein einzelnes Kind sichtbar machen kann.
Fenrir tötet Odin. Jörmungandr tötet Thor. Hel behält Baldr und verschließt damit die einzige Hoffnung der Götter, ihren größten Verlust ungeschehen zu machen; aus ihrem Reich kommen zudem die Heere der Toten, die gegen Asgard segeln. Narfis Leib fesselt Loki und macht aus dem zwielichtigen Mitspieler im Kreis der Götter einen erklärten Feind, der ein ganzes Zeitalter lang auf Rache sinnt. Und Sleipnir, das einzige Kind, das die Götter bei sich aufnahmen, trägt Odin treu bis zum Ende: in Asgards eigenen Ställen eine tägliche Erinnerung daran, dass die Grenze zwischen dem besten Freund der Götter und ihrem Untergang durch einen einzigen Vater verläuft.

Bleibt die unbequemere Frage, die die Mythen leise stellen: Wie viel davon haben die Götter selbst verschuldet? Die Weissagung lautete, Lokis Kinder würden ihr Verderben sein. Also fesselten die Götter den Wolf, der nichts getan hatte, ertränkten die Schlange, die nichts getan hatte, verbannten das Mädchen, das nichts getan hatte, und schlachteten zwei Söhne ab, die nichts getan hatten. Jede dieser Taten schuf einen Feind oder bewaffnete einen. Der Wolf, den sie anketteten, lernte in seinen Ketten den Hass. Die Schlange, die sie fortwarfen, wuchs, bis sie gleichsam selbst zum Meer wurde. Die Tochter, die sie verbannten, wurde zu der Macht, vor der sogar sie betteln mussten. Es ist dieselbe Logik der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die schon die Fesselung Fenrirs bestimmt, und vielleicht ist sie der tiefste Gedanke der ganzen nordischen Mythologie: Das Schicksal, das die Nornen weben, wird nicht von außen auferlegt. Es wird aus den Entscheidungen derer gewoben, die es fürchten.
Lokis Kinder sind keine Schurken, die in die Geschichte der Götter einbrechen. Sie sind die Geschichte der Götter, im Spiegel zurückgeworfen. Steht der gesamte Götterhimmel aus Asen und Vanen für die Ordnung, so erzählt Lokis Familie von allem, was diese Ordnung ausstößt, und vom Preis, den dieses Ausstoßen kostet. Die ganze göttliche Besetzung lernst du in unserem umfassenden Leitfaden zu den nordischen Göttern und Göttinnen kennen, doch warum ihre Welt untergeht, versteht nur, wer diesen einen Haushalt versteht.
Lokis Kinder in den Primärquellen
Für alle, die die mittelalterlichen Texte selbst lesen möchten, hier die Stellen, an denen die Familie vorkommt.
Die Prosa-Edda des Snorri Sturluson, um 1220 n. Chr. entstanden, enthält die ausführlichsten Berichte: Die Gylfaginning erzählt von den drei Kindern Angrboðas und davon, wie die Götter auf sie reagierten, vom Bau der Mauer um Asgard und der Geburt Sleipnirs sowie von der Fesselung Lokis mit Narfis Eingeweiden. Die Skáldskaparmál zählt Lokis Kenningar auf und nennt ihn „Vater des Vánargandr“ (Fenrir), „Vater des Jörmungandr und der Hel“ und „Verwandter Sleipnirs“.
In der Lieder-Edda kündigt die Völuspá die Rollen Fenrirs und Jörmungandrs beim Ragnarök an und zeigt Sigyn, wie sie neben ihrem gefesselten Gatten sitzt. Die Lokasenna bewahrt das Schmähduell, das Lokis Schicksal besiegelt, samt dem Prosaschluss, der die Bestrafung schildert, und unter den Sticheleien des Gedichts finden sich Anspielungen darauf, dass Loki in weiblicher Gestalt Kinder geboren habe. Das Hyndluljóð nennt Angrboða als Mutter Fenrirs.
Wie immer in der nordischen Mythologie wurden diese Quellen Jahrhunderte nach dem Ende der lebendigen Überlieferung von Christen aufgezeichnet, und gelegentlich widersprechen sie einander, wie das Problem um Nari und Narfi zeigt. Was wir besitzen, sind Fragmente von etwas einst weit Größerem. Erstaunlich ist, wie deutlich die Gestalt dieser Familie dennoch hervortritt.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Kinder hat Loki in der nordischen Mythologie?
In den nordischen Quellen hat Loki sechs Kinder. Mit der Riesin Angrboða: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel, die Herrscherin über die Toten. Mit seiner Frau Sigyn: die Söhne Narfi und Váli. Und als Stute brachte Loki selbst Sleipnir zur Welt, das achtbeinige Pferd Odins.
Hat Loki Sleipnir wirklich selbst geboren?
Ja. In der Prosa-Edda verwandelt sich Loki in eine Stute, um den Hengst Svaðilfari fortzulocken und den Baumeister der Mauer um Asgard zu sabotieren. Aus dieser Begegnung wurde Loki schwanger und brachte später Sleipnir zur Welt, das achtbeinige Fohlen, das zu Odins Reittier und zum besten aller Pferde heranwuchs.
Wer ist die Mutter von Fenrir, Jörmungandr und Hel?
Ihre Mutter ist Angrboða, eine Riesin aus Jötunheim, deren Name „Kummerbringerin“ bedeutet. Die Asen erfuhren durch eine Weissagung, dass ihre drei Kinder mit Loki großes Unheil über die Götter bringen würden, und Odin ließ alle drei ergreifen und aus dem Weg schaffen: Fenrir wurde gefesselt, Jörmungandr ins Meer geworfen und Hel nach Niflheim geschickt, um dort über die Toten zu herrschen.
Sind Váli, der Sohn Lokis, und Váli, der Sohn Odins, dieselbe Person?
Nein, und das ist eine der häufigsten Verwechslungen in der nordischen Mythologie. Váli, der Sohn Lokis, wurde von den Göttern in einen Wolf verwandelt und tötete im Zuge von Lokis Bestrafung seinen Bruder Narfi. Váli, der Sohn Odins, ist eine völlig andere Gestalt: geboren, um Baldr zu rächen, indem er Höðr tötet, und einer der Überlebenden von Ragnarök. Die Quellen halten die beiden auseinander.
Was geschah mit Narfi und Váli, den Söhnen Sigyns?
Nachdem Loki den Tod Baldrs herbeigeführt hatte, nahmen ihn die Götter gefangen und brachten seine beiden Söhne an den Ort seiner Bestrafung. Sie verwandelten Váli in einen Wolf, und in seiner Raserei zerriss er seinen Bruder Narfi. Mit Narfis Eingeweiden fesselten die Götter Loki dann bis zum Ragnarök an drei Steine.
Welche Kinder Lokis töten beim Ragnarök Götter?
Zwei. Fenrir verschlingt Odin, den König der Götter, bevor er von Odins Sohn Víðarr getötet wird. Jörmungandr und Thor töten einander: Thor erschlägt die Schlange mit Mjölnir und stirbt nach neun Schritten an ihrem Gift. Hel kämpft nicht, doch die Heerscharen der Toten aus ihrem Reich segeln mit Loki gegen die Götter.
Wer ist Sigyn in der nordischen Mythologie?
Sigyn ist eine Göttin der Asen und Lokis treue Frau, die Mutter seiner Söhne Narfi und Váli. Nachdem Loki gefesselt worden war, entschied sie sich, an seiner Seite zu bleiben, und hält eine Schale, um das Gift aufzufangen, das von der Schlange über ihm auf sein Gesicht tropft. Ihr Name ist zum Inbegriff der Treue unter unerträglichen Umständen geworden.
Warum fürchteten die Götter Lokis Kinder?
Wegen einer Weissagung. Die Götter erfuhren, dass ihnen von den Kindern Lokis und Angrboðas großes Unheil drohte, und kamen ihm zuvor: Sie fesselten Fenrir, warfen Jörmungandr ins Meer und verbannten Hel in die Welt der Toten. Die tiefe Ironie des Mythos liegt darin, dass gerade diese Präventivschläge womöglich erst die Feinde geschaffen haben, die die Weissagung angekündigt hatte.
Das Haus am Ende der Welt
Jede Mythologie hat ihre Ungeheuer. Das Besondere an der nordischen Überlieferung ist, dass sie ihren Ungeheuern eine Familie gab: einen Vater mit Namen und Lächeln, Mütter, eine treue Stiefmutter, Brüder und eine Kindheit in den Hallen eben jener Götter, die sie eines Tages vernichten würden.
Lokis Kinder sind die nordische Antwort auf eine Frage, die die meisten Überlieferungen nie zu stellen wagen: Wie sieht das Ende der Welt aus, wenn man es aus dem Inneren einer Familie betrachtet? Ein gefesselter Wolf, der sich an die Hand erinnert, die er nahm. Eine Schlange, die das Meer rings um die Welt verschlossen hält. Eine halbtote Königin, die den liebsten Sohn der Götter bei sich behält. Ein Pferd in Odins Stall, treu bis zuletzt. Die Eingeweide eines Bruders, zu Eisen erstarrt in einer Höhle, in der eine Frau Jahrhunderte lang eine Schale leert, Tropfen für Tropfen.
Wenn Ragnarök schließlich kommt, kommt es nicht von außerhalb der Geschichte. Es kommt aus dem eigenen Haus. Der Wolf, die Schlange und die Heerscharen der Toten erreichen Asgard, angeführt von ihrem Vater, und die Götter fallen durch eine Familie, die sie selbst geformt, gefürchtet, gefesselt und zerbrochen haben.
Sechs Kinder. Eine Apokalypse. Und im Mittelpunkt von allem das Wesen, das klug genug war, den Göttern ihre Mauer zu verschaffen, ihrem Hammer einen ebenbürtigen Gegner und ihnen selbst den Untergang, und das eines dieser Kinder selbst ausgetragen hat, auf vier Beinen, durch einen langen, dunklen Wald, am Anfang der Welt.
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